175 Jahre Spanisch-Brötli-Bahn: Grund zum Feiern

Luzius Mäder, Historisches Archiv
Nach langem Warten, viel Uneinigkeit und mehreren Fehlschlägen hatte die Schweiz am 7. August 1847 endlich ihre erste Eisenbahn.
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Es existiert noch kein Bundesstaat, geschweige denn eine Bundesverfassung, man lebt im Zeitalter des sogenannten Staatenbundes. Die Kantone regieren quasi autonom.

Der späte Start der Schweiz ins Eisenbahnzeitalter verglichen mit anderen Ländern ist vor allem der gesellschaftspolitischen Lage geschuldet. Es existiert noch kein Bundesstaat, geschweige denn eine Bundesverfassung, man lebt im Zeitalter des sogenannten Staatenbundes. Die Kantone regieren quasi autonom. Gesetzliche Grundlagen beispielsweise für Landenteignungen fehlen. Zu dieser Zeit gibt es in der Schweiz ca. 350 innerschweizerische Zollstationen, was für den Durchgangsverkehr wenig förderlich ist. Erste ernsthafte Bestrebungen für eine Eisenbahn entstehen in Zürich.

Die wichtigsten Handelsrouten sollen erschlossen werden: Basel–Zürich–Chur und eine Zweigbahn an den Bodensee.

Im Jahr 1838 wird die Basel-Zürcher-Eisenbahngesellschaft gegründet. Es folgen umfangreiche Planungen und Studien, bevor das Unternehmen vor allem aufgrund fehlender finanzieller Mittel bereits nach drei Jahren wieder liquidiert werden muss. Martin Escher-Hess, ein Zürcher Industrieller, erwirbt die gesamte Konkursmasse. Dieses Akten- und Plankonvolut bildet die Basis der ersten gesamthaft in der Schweiz liegenden Eisenbahnstrecke zwischen Zürich und Baden.

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Erster Bahnhof in Baden mit Schlossbergtunnel im Hintergrund, Illustration von Johann Baptist Isenring
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Erster Bahnhof in Zürich, Architekt: Jakob Friedrich Wanner, Illustration: Johann Baptist Isenring

Noch bevor diese Linie durch das Limmattal, die eigentliche Wiege der Schweizer Eisenbahn, allerdings Tatsache wird, ereignet sich rund um Basel Geschichtsträchtiges. Bereits ab 1844 verkehren erste Züge in die Schweiz. Diese erste Eisenbahn ist allerdings nicht in Schweizer Besitz, sie gehört der Compagnie de Strasbourg à Bâle. Von Strassburg herkommend befährt sie auf Schweizer Boden nur knapp zwei Kilometer 

Die erste Dampflokomotive, welche nach Basel einfährt, trägt den Namen Napoleon.

Escher-Hess gründet sodann im Jahr 1846 die Schweizerische Nordbahn und wird deren erster Direktionspräsident. Jetzt wird es tatsächlich konkret. Es gilt allerdings noch einige Hürden zu überwinden.

Dies auch, weil die Eisenbahn nicht nur Freunde kennt. Es gibt mahnende Ärzte, die vor den hohen Geschwindigkeiten warnen: 

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Das «Delirium furiosum» könne alle Fahrgäste in einen Sinne raubenden Zustand versetzen. Bauern wollen ihr Land nicht abtreten und sie befürchten negative Einflüsse auf ihr Vieh sowie ihre Ernte. Sattler, Pferdezüchter, Wagenbauer und Kutscher fürchten aufgrund der neuen Konkurrenz durch die Eisenbahn gar um ihre finanzielle Lebensgrundlage.

Der Fortschrittsgedanke und der Wunsch nach wirtschaftlichem Aufschwung setzen sich allerdings durch, so dass mithilfe beträchtlicher Anfangsinvestitionen von über 3 Millionen Franken in weniger als eineinhalb Jahren eine komplett neue, bereits zweispurig ausgeführte Bahnstrecke entsteht – Bahnhöfe und Haltestellen, Bahntrassee, Brücken und der 90 Meter lange Schlossbergtunnel bei Baden inklusive. Eine ausserordentliche Pionierleistung! Damit gefahren werden kann, bestellt die Nordbahn Rollmaterial bei der Maschinenbau-Gesellschaft Emil Kessler in Karlsruhe. Diese produziert vier Lokomotiven mit den Namen Limmat, Aare, Reuss und Rhein sowie vierzig Wagen. Bei der Konstruktion ist auch der berühmte Eisenbahn- und Zahnradpionier Niklaus Riggenbach beteiligt.

Heute gibt es keine intakten Originalfahrzeuge mehr. Anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums der Eisenbahn in der Schweiz 1947 wurden auf Initiative der SBB allerdings mehrere Wagen sowie die Lok Nr. 1, die Limmat, als Replika hergestellt.

Damit der Betrieb nach der offiziellen Übergabe der Bahn an die Öffentlichkeit reibungslos funktioniert, ist ein beträchtlicher administrativer Aufwand notwendig. Die Nordbahn gibt Instruktionen, Dienstvorschriften, eine Transportordnung sowie den allerersten Fahrplan der Schweiz – ergänzt durch einen illustrierten Streckenplan – heraus. Auf dem Fahrplan findet man Informationen zur Reisezeit (Zürich–Baden in 45 min.), zur Frequenz (vier Fahrten pro Tag und Richtung, bei guter Witterung eine zusätzliche Verbindung an Sonn- und Feiertagen) und zu den Tarifen für 1.-, 2.- und 3.-Klass-Bilette.

Der Personenverkehr läuft relativ gut, die Spanisch-Brötli-Bahn transportiert jährlich ca. 200'000 Personen. Trotzdem ist die Nordbahn nicht rentabel.

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Typenskizze zur Lok Nr. 1 der Spanisch-Brötli-Bahn (Replika), der Limmat, 1947

Der Güterverkehr lohnt sich kaum auf dieser kurzen Strecke, eine veritable Geldkrise Ende der 1840er Jahre sorgt ebenfalls für rote Köpfe bei den Planern eines weiteren Ausbaus der Strecke Richtung Aarau und Basel. Der Sonderbundskrieg im November 1847 sowie eine bald verflogene Anfangseuphorie beim Publikum tragen schliesslich dazu bei, dass die Nordbahn bereits nach fünf Jahren zu einer Fusion gezwungen wird. 1853 entsteht aus ihr die Schweizerische Nordostbahn (NOB), eine der fünf grossen Vorgängerbahnen der SBB.

Es bleibt die wohl am meisten gestellte Frage zu beantworten: Warum eigentlich der Name «Spanisch-Brötli-Bahn», wenn man über die Schweizerische Nordbahn spricht?

Die Ersterwähnung des Namens geht auf das Jahr 1854 zurück. In einer Schrift mit dem Titel «Zur Bahnhofsfrage» wird die Nordbahn vom Autor als «Spanisch-Brötli-Bahn» verunglimpft. Es ist anzunehmen, dass dies zu jener Zeit wohl ein Spottname war, weil zwischen Baden und Zürich ausser Personen nicht viel mehr als eben solche Spanisch-Brötli transportiert wurden.

Die beliebte Blätterteigspezialität aus Baden wurde nach dem Bau der Eisenbahn von wohlhabenden Zürchern backfrisch jeden Morgen nach Hause bestellt. Es brauchte dazu keine stundenlangen Botengänge mehr. Heute aber ist dieser Spott vergessen und der für eine Eisenbahn doch eher amüsante Name «Spanisch-Brötli-Bahn» ist in aller Munde und weckt eigentlich nur positive Emotionen.